Provence 2.0 - und übers Reiseführerschreiben

Ich hatte nicht damit gerechnet, so schnell schon wieder in die Provence zu reisen. War ich doch erst Anfang August da. Und dann, zweieinhalb Monate später bin ich zum zweiten Mal dorthin gefahren. Im Januar gleich noch mal und dann - zum letzten Mal in diesem Jahr noch einmal an Ostern. Meiner Chefredakteurin des Loose-Buches sei Dank. Ich darf weiter machen mit Büchern über Südfrankreich und ich bin wirklich froh. Es ist nicht so, dass ich nicht ausgelastet wäre mit Marokko, und es ist auch nicht so, dass ich Marokko über hätte. Ganz im Gegenteil. Ich merke schon jetzt schmerzlich, dass mir die Marokkoreisen fehlen, die ich zugunsten von Frankreichreisen reduzieren musste. Aber ich merke gleichzeitig auch, dass ich ein wenig zu eingefahren war. Immer nur das eine Land macht blind. Außerdem habe ich mich beruflich so auch in eine Abhängigkeit gegeben, die mir auf Dauer nur schaden kann. Ein Anschlag in Marokko (und ja, es ist traurig, aber das kann überall passieren) und meine Titel verkaufen sich nicht mehr und ich habe auch keine Kunden mehr für TourSerail. So was ist natürlich immer nur temporär, aber wer wie ich selbstständig und freiberuflich arbeitet, kann sich ein paar Monate Verdienstausfall nicht leisten. Es wurde also Zeit, etwas neues mit heran zu holen. Und weil ich dann doch eben ungerne an/mit etwas arbeite, was ich nicht wirklich schrecklich mag, habe ich mir überlegt, Frankreich wäre ideal als Reiseland, als Leidenschaftsland, als neue Destination. Ich spreche die Sprache, ich kenne das ganze Land, reise schließlich schon seit 49 Jahren durch die Republique. Und nicht zuletzt lebt meine Mutter einen Großteil des Jahres im Südwesten. Musste also nur noch ein Auftrag her. Und weil ich ja nicht an Zufälle glaube, war es sicherlich auch kein Zufall, dass man genau dann, als ich suchte, eine Autorin für die Provence brauchte. Was für ein Glück!

Und so reiste ich und reiste...  Aber was für ein Unterschied! Im August letzten Jahres jammerten das Kind, der Hund und ich über die Hitze. Es hatte regelmäßig um 40°C, die Straßen waren im August verstopft und ich schwor mir bei aller Liebe, NIE wieder im Sommer hierher zu kommen. 

Dann kam der Winter - und ja, auch Ostern war es noch winterlich - okay, frühfrühjährlich. Und ja, es stimmt. Es war viel viel weniger los. Trotz Ferien (Herbst, Weihnacht, Ostern) in Frankreich und Deutschland. Wir standen also tatsächlich nicht mehr im Stau. Aber dafür regnete es. In Strömen. Fast durchgehend. Eine komplett neue Herausforderung für mich! Denn das kenne ich von Marokko nicht :). 

Straßen und Wege finden bei Schnellstdurchlauf des Scheibenwischer? Eine ganz neue Erfahrung! Durch kleine Schluchten fahren, dabei durch die Wasser- und Nebelwand die schönen Badebuchten suchen? Doch, das ist schon wirklich eine Herausforderung. Vor allem aber erfordert es Improvisationsgabe. Hinzu kam der eiskalte Mistral, der zwar die Wolken vertrieb, dafür mir aber eine Schniefnase machte und uns allen so viel Kopfweh bescherte, das Hund und Kind sich im Hotel verkrochen und ich tapfer alleine durch Wind und Wetter marschierte. Viel von dem, was ich machen wollte bzw. sollte, konnte ich auch nicht machen. Dafür machte ich eben anderes.

Und dieses Anderes machen stellte sich letzten Endes als Gewinn heraus. Denn ich entdeckte ganz neue Ecken - und stellte fest: So gut, wie ich dachte, kenne ich Frankreich gar nicht. Es gibt noch immer so viel zu entdecken und das machte das neue Projekt total spannend. Mir war ein bisschen, als würde ich zu meinen Kinderschuhen zurück gehen. Probierte wieder neu aus, lernte neu zu recherchieren und wurde mit herrlichen Cafés, traumhaften Restaurants, wunderschönen Chambres d'hôtes und einzigartigen Landschaften belohnt. Aber auch neue Schreibideen entstanden. Und der Bammel, ich könne gar nichts anderes als Marokko, legte sich ganz allmählich.

Nach allen Recherchen - und immer zwischendurch - schrieb ich. Amok, wie mir manchmal schien. Ich hatte letzten Endes nur drei Monate zum Schreiben eines ganzen Buches. Und ich wollte ja auch ein besonders gutes Buch schreiben. Für mich, für meine Chefredakteurin, die inzwischen leider nicht mehr meine Chefredakteurin ist, vor allem aber für alle meine Leser. Ich tauchte vollkommen ein in die Provence. Mit Gefühlen, mit Gedanken, mit der Arbeit. Ich kochte Französisch, las Französisch, dachte nur noch in Provence-Kategorien. Das Kind streikte bei vielem, beim Trüffel aber zog es mit. Bei Trüffel und den guten Restaurants. Denn auch das habe ich erleben dürfen - eine Trüffelsuche (dazu kommt ein eigener Blogeintrag vielleicht. Incha'allah), ich bin mit einem Boote bei allerhöchstem Wellengang durch die Calanques geschippert, habe bei einem Schüler von Tim Raue hervorragend gegessen, habe so viel Chocolaterien wie möglich besucht, bin durch Ockerfelsen gewandert (und ja: Ich hatte tatsächlich auch mal richtig schönes Wetter), habe im Châteauneuf-du-Pape eine Weinprobe gemacht und überhaupt: Was hat sich mein Horizont erweitert.

Das Buch ist jetzt abgegeben, durchs Lektorat durch. Es fehlen noch die Bildunterschriften und noch ein kleiner Text über den Mont Ventoux. Dann aber geht das Buch in Druck - und nein, es erscheint leider nicht mehr dieses Jahr. Sondern erst Anfang nächstes. Aber dann werde ich mein Baby in den Händen halten. All der Stress, all die Handkrämpfe vom Schreiben, all das Jammern auf allerhöchstem Niveau ist dann vergessen. Ich werde Euch dann berichten. Aber bis dahin kommen wieder mehr Blogartikel hier. Denn jetzt kann ich entspannter aufatmen und endlich auch mal wieder privat schreiben: Das mache ich nach wie vor am liebsten.

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Kommentare: 1
  • #1

    Rosemary (Sonntag, 18 August 2019 22:07)

    Mes félicitations, chère Muriel!