Traumjob Reiseführer schreiben?

Es ist nichts Neues, dass ich immer wieder mit Neid oder Bewunderung, Sehnsucht oder ähnlichem konfrontiert werde, wenn ich erzähle, welchen Beruf ich habe.  Es gibt auch jene, die auf mich herabschauen und der Meinung sind, das sei kein richtiger Beruf. Allen gemein ist, dass sie das, was ich als Beruf ausübe mit Urlaub verwechseln und mich nicht wirklich ernst nehmen. Kaum mal jemand, der/die mich nach einer Reise fragt: Und, wie war die Arbeit? Nein, es heißt immer: Na, wie war’s im Urlaub?

 

Schön war es, danke. Es hat mir gut getan, es war wundervoll, mal wieder unterwegs zu sein, ich habe tolle Hotels entdeckt, hervorragend gegessen, habe herrliche Landschaften gesehen, habe neue Wanderwege ausprobiert und mit Nomaden Biouaks besucht, ich habe mit Kamelagentur-Betreibern gesprochen, europäische Aussteiger getroffen, habe mich mit den Behörden rumgeärgert und sogar die Zeit gefunden, mal ins Meer zu hüpfen. Es war eine wunderbare, wunderschöne, intesive und interessante Reise. Aber Urlaub – Urlaub ist das nicht. Den mache ich übrigens meistens in Frankreich. Auf einem Campingplatz am Meer, oder mal auf einer Hütte im Schwarzwald. Ganz bodenständig. So wie andere auch. Kein Luxus, kein Schischi. Aber dafür richtig Urlaub! Und dann schaue ich garantiert kein Hotel an, bewerte kein Restaurant (oder nur, wenn ich es möchte), ich kümmere mich einen Sch… um Busfahrpläne und ganz ehrlich? Ich will auch keine einzige Sehenswürdigkeit sehen – oder doch, wenn ich endlich endlich endlich mal eine Singapur-Malaysia-Reise mit meinem Sohn machen werde, um die Orte aufzusuchen, wo ich als junge Erwachsene reiste und arbeitete – dann schaue ich mir auch mal Sehenswürdigkeiten an. Aber das ist etwas anderes – und eine andere Geschichte, über die ich irgendwann einmal auf diesem Blog hier auch berichten werde….

 

Es mag denjenigen, die mich beneiden oder mich als faul bezeichnen (du machst ja nichts Richtiges, bist ja immer nur im Urlaub) als Jammern auf hohem Niveau vorkommen, dass ich das so betonen muss. Aber ich merke einfach, ich kann mit dem Neid nicht umgehen. Mit dem Neid nicht, aber auch nicht mit der Missgunst. Beides sind extrem negative Energien. Und ich bin da auch nicht cool. Früher konnte ich das viel besser. Früher war es mir so hoch wie breit, wie man mich wahrgenommen hat. Heute ruft es eine unglaubliche Genervtheit hervor. Warum? Zum Einen, weil ein toller Job nicht automatisch ein tolles Leben bedeutet – ich habe die gleichen Schwierigkeiten wie alle anderen Menschen im Privatleben auch – zum Andren aber, weil es ein hartes Brot ist, sein Geld so zu verdienen. Keine meiner Kolleginnen und Kollegen kann von seinen Büchern leben. Wir alle arbeiten nebenbei noch was anderes. Keine von uns hat vor Ort bei der Recherche so viel Zeit, dass sie sich wirklich mal einen Tag ans Meer legen könnte oder stundenlang durch die Medina bummeln. Keine – es sei denn, sie ist schon in Rente und betreibt das Schreiben nur als Hobby (das wiederum finde ICH richtig geil 😊).

 

Ich beklage mich nicht – absolut nicht. Ich LIEBE meinen Job! Aber das Reisen an sich ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Wenn ich ein Buch schreibe – neu schreibe, so wie z.B. den Stefan Loose Reiseführer über Marokko, der im August diesen Jahres in den Buchhandel kommt, dann habe ich zwei bis drei Jahre (!) daran geschrieben. Ich habe 1,8 Millionen Anschläge getippt, alle müssen logisch sein. Die Informationen müssen auch zwei Jahre nach dem ersten Satz noch aktuell sein oder wieder aktuell sein. Es darf keinerlei Widersprüche im Buch geben und die Umschrift muss einheitlich sein. Und ganz ehrlich: Mich erquickt es absolut nicht, zu jeder Stadt die historischen Daten rauszusuchen und die Sehenswürdigkeiten zu beschreiben. Agatha Christie hat einmal gesagt, ein Buch zu schreiben sei harte Arbeit. Und jeder Autor wird dies bestätigen. Es IST harte Arbeit. Man muss ja witzig bleiben und schwungvoll schreiben. Man darf sich nicht wiederholen und soll inspirieren, Lust soll man machen und natürlich: Immer besser sein als die anderen… Die Ansprüche der Verlage sind hoch – der Markt unter uns Autoren eng. Und des Brot ich ess‘, des Lied ich sing‘ – Ihr kennt diesen Satz. Also nicht mit viel Freiheit und so. Wir alle haben klare Vorgaben. Vielleicht mache ich deshalb auch diesen Blog hier – weil dieser mir die Freiheit gibt, so zu schreiben, wie ICH es wirklich will. Aber damit verdiene ich eben kein Geld. Das ist tatsächlich nur etwas für die Seele.

 

Von 52 Wochen Arbeit bin ich vielleicht 6 bis max. 8 Wochen unterwegs – und da mache ich keinen Urlaub, sondern reise rum, um Hotels und Restaurants kennen zu lernen oder zu kontrollieren (wer mag schon Kontrolleure!), um neue Routen zu entdecken und die Busbahnhöfe abzuklappern (es dauert manchmal Stunden, bis man alle Busverbindungen hat und weiß, wo das verdammte Sammeltaxi los fährt…). Die anderen 44 bis 46 Wochen schreibe ich. Und wer nun denkt, man schwelge auf den Reisen im Luxus – nein. Ich bezahle meine Unterkünfte und Flüge selbst. Schreibe ich nur ein Buch sind die Reisekosten höher als die Tantiemen. Also muss ich mehrere Bücher schreiben, damit sich die Reisekosten überhaupt lohnen. D.h. von 8 Stunden Arbeit am Tag muss ich 8 Stunden kreativ schreiben – he! Das ist eine ganze Menge. Marc Twain hat einmal geschrieben (und ich zitiere ihn, ebenso wie Agatha Christie immer wieder gerne), Schreiben sei zu 10% Inspiration und zu 90% Transpiration. Tja, ein schlauer Mann.

 

Obwohl ich 12 eigene Bücher (okay, vier davon als Co-Autorin) geschrieben habe, von denen ich sieben Bücher regelmäßig überarbeite und noch bei anderen Büchern mitarbeite, reicht mir das Gehalt nicht zum Leben. Also muss ich noch nebenbei weiterarbeiten. So habe ich mir die Reiseagentur Tour Serail aufgebaut, die sich auf Reisen nach Marokko spezialisiert hat. Das hat sich angeboten, weil ich durch meine Autorenschaft natürlich extrem viel vom Land kenne und dieses Wissen auch eben meinen Kunden weitergeben kann. Außerdem mache ich die Buchhaltung für ein Restaurant hier in Freiburg. Und nur dank dieser drei Jobs kann ich überhaupt ausreichend verdienen. Er ist immer noch bescheiden, mein Verdienst, aber er reicht, um damit eine 2-Zimmer-Wohnung finanzieren zu können und um darin zu leben. Alles, was ich mehr habe (danke, der Nachfrage - ich habe mehr!), habe ich nicht durch meine Arbeit. Und an die Rente – die ich nicht vom Staat oder einer Firma bekomme, weil ich ja selbstständig bin – will ich lieber gar nicht erst denken….

 

Und dennoch, ich liebe meinen Job. Wirklich. Ich möchte auch nicht tauschen. Aber ich möchte ernst genommen werden. Von denen, die verblendet glauben, ich reise durch die Welt, wohne ich tollen Palästen und verdiene damit auch noch Geld, oder von denen, die sagen, ich würde gar keinen richtigen Job machen und der Verdienst sei so lächerlich, dass sich das eh nicht lohnen würde. Ich kämpfe so sehr darum, mit dem, was ich gerne mache – reisen und schreiben – mein Geld zu verdienen, dass mich Neid und Missgunst aus der Bahn werfen. Mir ist vollkommen klar, dass es dabei nicht um mich geht, sondern darum, dass eben jene Menschen in ihrem Leben so unglücklich sind, dass sie einem Traum hinterherjagen und sich wünschen, anders zu leben. Mir ist klar, dass mein Job vollkommen romantisiert wird und zum Traumbild für diejenigen, die anderes wollen als das, was sie haben. Und dennoch stört es mich. Weil mir der Neid, aber auch die Missgunst, das Auf-mich-herab-schauen oder das Zu-mir-auf-schauen einfach nicht gerecht werden. Ich bin und ich bleibe ich. Ich habe das große Glück, einen Job zu haben, den ich sehr gerne mache und der mir viele Freiheiten gibt. Aber mein Leben ist deshalb nicht glücklicher als andere. Aber eben - wo viel Licht ist, ist auch Schatten. Ich lebe mit einer finanziellen Unsicherheit, denn jede Aktualisierung ist ein neuer Vertrag – der kommt oder eben nicht. Ich habe keine Sicherheit, kein doppeltes Netz, nur meinen Idealismus. Und mein Wissen. Und mein Können. Aber das hat jeder andere, der seinen Job ernst nimmt, auch.

 

Ich wünsche den Neidern und Missgünstigen, dass sie einen Weg finden, zufriedener zu werden – oder aus ihrer unglücklichen Situation raus zu kommen. Lasst andere anders sein. Und schaut nicht immer, was die anderen haben – sondern freut euch an dem, was ihr selbst habt oder versucht es eben zu ändern. Das ist etwas, was das Leben uns allen leichter machen würde. Und ich sollte dringend lernen, besser damit umzugehen, wie ich in meiner Umgebung wahrgenommen werde. Und jetzt sage ich AMEN (Haha) - aber das musste einmal raus.

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Jolly van de Steinforth (Freitag, 30 Juni 2017 14:57)

    Hallo Muriel, du machst einen sehr guten Job. Ärger dich nicht über Neider, die gibt es überall. Und wer meint, du würdest ein Luxusleben als Autorin führen, kann doch auch Bücher schreiben und probieren wie weit er damit kommt. Die Möglichkeit steht heute jedem offen. Wünsche dir weiterhin viel Erfolg und eine gute Zeit. Gruß Jolly. :-)

  • #2

    Sylvie (Samstag, 01 Juli 2017 10:10)

    Neid muss man sich erarbeiten. Mitleid bekommt man geschenkt.

  • #3

    Muriel (Samstag, 01 Juli 2017 10:20)

    Danke Ihr beide. Das stimmt schon.

  • #4

    Kathi Bx (Samstag, 01 Juli 2017 13:37)

    Toll & ehrlich geschrieben, chapeau. Ich freue mich schon auf das Buch über Marocco, das ist ein Reiseziel von uns & gar nicht so weit, da wir nördlich von Bordeaux leben. Falls Du Lust hast einen Kaffee oder Tee mit mir bei einem kleinen Plausch zu trinken, bist Du herzlich eingeladen (Soulac ist nur 15 Minuten von mir entfernt) ;-) Gute Anreise & einen schönen Urlaub :-)

  • #5

    Muriel (Samstag, 01 Juli 2017 14:24)

    Liebe Kathi, schreib mir mal eine PN - ja? Liebe Grüße!